4. Aachener Parodontologischer Fortbildungsabend

„Resektive Verfahren zur Parodontitistherapie“

Mit dem Titel „Die resektive Parodontaltherapie – Indikationen, Grenzen und Einordnung in den Gesamtbehandlungsplan“ fand am 02.11.2016 der diesjährige Aachener Parodontologische Fortbildungsabend statt. Das Potential und die Möglichkeiten der Tascheneliminierung im Rahmen der Parodontitistherapie standen dabei im Vordergrund des Abends. Die Organisatoren Prof. Dr. Jamal M. Stein und Dr. Christian Hammächer konnten für diese Thematik Herrn Dr. Alberto Fonzar (Udine, Italien) als Gastreferenten gewinnen, der auf dem Gebiet der resektiven Parodontaltherapie und Perioprothetik zu einem der renommierten internationalen Experten zählt..

4. Parodontologischer Fortbildungsabend - Professor Stein

In seinem Einführungsvortrag über Entscheidungsfindungen in der Parodontitistherapie erläuterte Prof. Stein die Bedeutung der Prognose­einschätzung und die Integrierung interdisziplinärer, insbesondere prothetisch-implantologischer Aspekte für eine zeitgemäße systematische Parodontitistherapie. Anhand diverser Fallbeispiele zeigte er das Potential der Möglichkeiten einer antiinfektiösen nichtchirurgischen Parodontitistherapie. Bis auf wenige Ausnahmen sollte erst 3 - 6 Monate nach dieser Therapiephase eine endgültige Entscheidung über die Erhaltungsfähigkeit erfolgen. Viele initial als hoffnungslos erachtete Zähne können mitunter in einen erhaltungsfähigen Zustand überführt werden. Prof. Stein betonte, dass die prothetische Planung nach der erfolgten antiinfektiösen Therapie einen entscheidenden Einfluss auf die Einschätzung der Erhaltungswürdigkeit von Zähnen sowie ggf. notwendiger parodontalchirurgischer Eingriffe hat. Für unsichere, aber strategisch wichtige Zähne wurden drei Möglichkeiten angeführt: a) die Überführung in eine sichere Prognose (z. B. durch Hemisektion), b) die Extraktion und Implantation oder aber c) die Überführung in einen unstrategischen Zahn. Darüber hinaus führte Prof. Stein an, dass initial unsichere oder hoffnungslose Zähne u. U. durchaus lange erhalten bleiben können. Laut der Daten einer Kieler Langzeitstudie konnten über einen Zeitraum von 15 Jahren nach begleitender UPT 88% der fraglichen und 60% der infausten Zähne erhalten werden. Auch regenerativ behandelte Zähne, die initial eine hoffnungslose Prognose zeigten, bieten im Einzelfall das Potential, in einen recall-fähigen Zustand überführt zu werden. Allerdings ist dies nur unter der Voraussetzung möglich, dass eine geschlossene Zahnreihe ohne prothetischen Behandlungsbedarf vorliegt. Generell betonte der Referent, dass erst nach Entwurf der prothetischen Gesamtplanung die Konzeption der korrektiven chirurgischen Therapie erfolgen sollte.

Dr. Fonzar in seinem Vortrag über „Modern Concepts

Nachfolgend sprach Dr. Fonzar in seinem Vortrag über „Modern Concepts in Resective Periodontal Surgery“. Das Ziel aller unserer parodontalen Therapiemaßnahmen sollte es sein, die Progression der parodontalen Erkrankung aufzuhalten. Dr. Fonzar hinterfragte die Langzeiteffekte nichtchirurgischer und die chirurgischer Therapien. Auf lange Sicht ähneln sich die Ergebnisse mit bestimmten Einschränkungen. Jedoch seien parodontale Taschen über 5 mm auf nichtchirurgischem Weg nicht mehr voraussagbar zu therapieren. Tiefe Taschen und Furkationen müssen als Reservoir für parodontale Keime angesehen werden. Daher stelle sich auch immer die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt einer Re-evaluation. Kurzweilig und dennoch detailliert zeigte Dr. Fonzar den Teilnehmern anhand einer Vielzahl an langzeit­dokumentierten Fallbeispielen, dass parodontal geschädigte Zähne nach knochen- und zahnresektiver Therapie (Hemisektion, Prämolarisierung und / oder Resektion einzelner Wurzeln von Oberkiefer-Molaren) auch langfristig als prothetische Stützpfeiler dienen und so häufig Implantate vermieden und aufgeschoben werden können. Einzelne separierte Wurzeln von Oberkiefermolaren können durchaus als vollwertige prothetische Stützpfeiler fungieren. Der Referent dokumentierte langfristig sehr stabile Ergebnisse. Wurzelfrakturen können zwar nach Jahren auftreten, sind jedoch insgesamt selten. Bei einer Hemisektion sollte nach Möglichkeit der Erhalt der distalen Wurzel bevorzugt werden, da die mesiale Wurzel häufiger frakturiere. Der Referent legte Wert darauf, dass die Präparation für die spätere Kronenversorgung stets tangential erfolgen sollte, um Substanzverluste zu vermeiden. Nach einer Hemisektion empfiehlt Dr. Fonzar eine Wartezeit bis zur prothetischen Versorgung von mindestens 6 Monaten, in manchen Fällen von einem Jahr. Der Referent betonte, dass bei infraalveolären Defekten ab einer Defekttiefe von 3 mm regenerative Maßnahmen in Betracht kommen, während flache infraalveoläre und supraalveoläre Defekte im nicht ästhetisch kritischen Bereich resektiv behandelt werden sollten. Die Taschenelimination ist allerdings laut Aussage des Referenten die einzige Therapie, die in der Parodontologie zu einer langfristige „Erhaltungs-Sicherheit“ führt.

Zum Abschluss stellte Dr. Fonzar die Frage, welcher Weg der beste sei. Es gibt keine Evidenz für den „perfekten“ Weg. Die Plaquekontrolle sei das Wichtigste. Jedoch unterscheiden sich die Patienten sehr stark entsprechend Ihres genetischen Backgrounds und ihres Bakterienspektrums, um einen „perfekten“ Weg benennen zu können. Daher empfiehlt er eine möglichst lange Wartezeit bis zur Re-evaluation und Planung resektiver bzw. regenerativer Maßnahmen.

Nach diesem Vortrag klang der „4. Parodontologische Fortbildungsabend“ mit zahlreichen Erkenntnissen sowie neuen Perspektiven auf die Möglichkeiten der Zahnerhaltung im geselligen Abend mit zahlreichen kollegialen Gespräch aus. Der nächste parodontologische Fortbildungsabend ist im Herbst 2017 geplant.

Artikel Ausgabe 49/2016 ZahnMedizin